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Simon Quendler ist konzeptioneller Maler und Skulpturist aus Österreich.

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REAKTIONSKUNST

Anstelle von Öl- oder Acrylfarben verwendet er Kaliumsorbat, Vulkanasche oder Alligatorenhaut und lässt Gemälde durch chemische und biologische Prozesse entstehen. Ein Atelierbesuch bei „Malchemist“ SIMON QUENDLER.

VON SILVIE AIGNER - Porträt im Trend Wirtschaftsmagazin

Auf den ersten Blick scheint  Simon Quendler abstrakte Bilder zu malen. Dicht an dicht stehen seine Leinwände in seinem Atelier im 19. Wiener Gemeindebezirk. Doch anstelle von Farbtöpfen und Pinseln findet man Dosen und Gefäße mit den verschiedensten Substanzen. Das Atelier wird zum Labor, denn Quendlers Gemälde entstehen durch komplexe chemische und biologische Prozesse. Schon früh hat der in Wernberg bei Villach aufgewachsene Autodidakt begonnen, sich mit den Malmitteln zu beschäftigen. Seit jeher hat ihn fasziniert, wie in den Malwerkstätten der Renaissance die Pigmente zu Farben gemischt wurden. Vieles von diesem Wissen sei verloren gegangen, doch der Künstler muss wieder zum Archäologen und zum Wissenschaftler werden und die Eigenschaften der Materialien erforschen, ist der 35-jährige Maler überzeugt. Diese Kenntnis ermöglicht ihm, unmittelbar mit dem Malmaterial zu arbeiten und dieses in einem aufwendigen Verfahren auf die Leinwand zu bringen. Begonnen hat er zunächst mit figuralen Darstellungen und kam in der Folge zu abstrakten Bildkonzeptionen. Doch deren Möglichkeiten hatten sich für ihn bald erschöpft, und so begann er, „lebendige Werke“ zu schaffen.

BIOLOGISCHE PROZESSE. Anstelle der handelsüblichen Öl- oder Acrylfarben verwendet er Kaliumsorbat, Aluminiumsilikat oder Cadmiumsulfid. Hinzu kommen Stoffe wie Vulkan asche, Salzsteine, Harze, Metalle und Emulsionen und die Haut von Alligatoren, die als Granulat, gemischt mit Polymeren oder auch als Hautstücke auf die Leinwand aufgebracht wird. Die bereits gebleichte Haut stammt von Zuchtalligatoren aus Louisiana. „Ich habe etwas gesucht“, so Quendler, das eine der ältesten DNAs der Welt aufweist und somit eine große Spanne der Evolution umfasst, so bin ich auf die Alligatorenhaut gestoßen. Es ist Drop-out-Ware – sozusagen Dinosaurier, die weggeworfen werden. Ihre Haut enthält Einschlüsse von Bakterien, die für uns kaum sichtbare Löcher in die Haut gefressen haben. Sie sind dadurch aber für die Modeindustrie wertlos.“ Das granulierte Material entwickelt sich im Bildkörper weiter und nimmt Stoffe auf und gibt über einen gewissen Zeitraum auch wieder Stoffe im Inneren des Bildes ab. Ebenso wie die Vulkanasche, auch sie baut und strukturiert das Bild. „Vulkanasche kann so tief in das Gemälde eindringend, dass sie dieses zum Aufbrechen und Reagieren bringt und andere Stoffe im Bild bindet“, erklärt Quendler. Das Material malt sozusagen das Bild und der Künstler ist durch das Auftragen der Substanzen der Auslöser dieser biologischen Prozesse auf dem Bildträger und lenkt diese in gewisse Bahnen. Doch es bleibt ein Rest in dieser „Reaktionskunst“, den er nicht vorhersehen kann.

NEUE SEHMUSTER. Um zu beobachten, wie sich das Bild über einen bestimmten Zeitraum verändert, hat Simon Quendler ein aufwendiges fotografisches Aufnahmeverfahren im Atelier installiert, das ihm erlaubt, rund um die Uhr die Materialprozesse zu verfolgen. Durch seine Experimente versucht er, neue Sehmuster zu ermöglichen und Formen und Farben entstehen zu lassen, die es in der herkömmlichen Malerei nicht gibt. Durch das Reagieren der Stoffe entwickelt das Bild seine ganz eigene Formsprache und eine extrem feinteilige Struktur. „Man sieht jedes kleinste Pünktchen, bis in den Nanometerbereich. Aus der Nähe und der Distanz ergeben sich so ganz andere Wahrnehmungen. Wie ein Spiel mit innerer und äußerer Perspektive“, so Quendler. Die Dynamik seiner Bilder entsteht nicht durch die impulsive Geste, sondern durch die vielfältigen Reaktionen der Materialien während eines – vom Künstler bestimmten – Zeitraums. Das ist nicht ganz ungefährlich, lösen diese chemischen Substanzen doch mitunter auch giftige Reaktionen aus. Vorsicht und höchste Konzentration beim Arbeiten sowie ein umfassendes Wissen über das Material und das Zusammenspiel und Verhalten von Farben und Stoffen sind wichtig. Quendler arbeitet mit Handschuhen und Mundschutz und hält strenge Diät, um seinen Körper von den Substanzen auch wieder zu reinigen. Der Sammler muss dennoch keine Bedenken haben, versichert Quendler. Ist das Bild fertig, friert der Künstler den für ihn gültigen letzten Zustand durch luftdichtes Versiegeln quasi ein. Weitere Reaktionen und ein Diffundieren der chemischen Substanzen sind ausgeschlossen.

BILDBAUPLAN. Bevor er eine neue Leinwand aufspannt, macht er bereits einen groben Bauplan. Was soll sich verändern und wie, sind dabei die vordergründigen

LEBENDIGE WERKE. Mit seinen alchemistischen Mischverfahren thematisiert Simon Quendler auch unseren Umgang mit Ressourcen und trifft damit perfekt den Zeitgeist.

Fragen. Zuerst berechnet und testet er, wie sich die einzelnen Materialien miteinander vermengen und wie sie reagieren, dies gleicht eher der Arbeitsweise in einem Labor. Dann macht er sich – meist am Boden über der Leinwand kniend – an das Mischen der Stoffe auf der Leinwand. Es wird geschüttet, vermengt, die Leinwand in kunstvollen Kleinstbewegungen gedreht und beobachtet. Alchemistische Mischverfahren bewirken schließlich, dass sich Malmittel am Bildkörper von selbst vermengen und so ihre Formsprache freisetzen. Das Material bildet zumeist eine Oberfläche mit dicken Farbschichten, die das gesamte Bild überziehen. Während unseres Atelierbesuches bearbeitet Quendler eines seiner Bilder, das mit einer roten Farbschicht überzogen ist. Diese wird Stück für Stück vorsichtig abgehoben. Darunter entfaltet sich ein wahres Feuerwerk an verschiedenen Farben, die nach und nach zum Vorschein kommen. Bei Quendlers extremen Verfahren verändern sich die Werke oft ohne den Einfluss des Künstlers, wie durch Geisterhand. Mit solchen Showeffekten weiß der Künstler bestens umzugehen, so ließ er einmal vor den Augen der Betrachter durch den Sauerstoffgehalt im Museum die Darstellung eines Elefanten entstehen. Der Elefant wie auch der Alligator sind für Quendler Symbole für eine Täter- und Opferrolle. Der Alligator als Jäger im Tierreich wird selbst zum Opfer durch den Menschen, ebenso der Elefant, der für touristische Zwecke ausgebeutet wird. Um unseren Umgang mit Ressourcen geht es Quendler auch insgesamt in seinem Werk. Durch die Materialien, die er verwendet, möchte er auch darauf hinweisen, wie sorglos wir damit umgehen.

 

Artfacts:

Bei seinen Ateliershows, zu denen er alle zwei Monate einen kleinen Kreis von Sammlern einlädt, gibt es die Möglichkeit, mehr über das Schaffen von Simon Quendler zu erfahren – Info:
www.simonquendler.com. Dem Kunstmarkt selbst steht er skeptisch gegenüber, er versucht, andere Wege zu gehen, baut auf den Einfluss von Privatsammlern, die ihm weitere Netzwerke öffnen.

Der konzeptionelle Maler und Skulpturist Simon Quendler lebt und arbeitet in Wien.

Simon Quendler (*1983 in Wernberg) ist ein Pionier der europäischen Reaktionskunst, der seine Gemälde durch komplexe chemische und biologische Prozesse entstehen lässt. Mit seinem unverwechselbaren Stil nimmt Quendler bereits eine bedeutende Position innerhalb der Malerei in Europa ein. Seine experimentellen Techniken lassen Reaktionsgemälde entstehen, die in internationalen Museen, Auktionshäusern und Galerien zu finden sind.
Alchemistische Mischverfahren bewirken, dass sich Malmittel am Bildkörper von selbst vermengen und so ihre Formsprache freisetzen. Der Versuch, Gemälden durch Reaktionsprozesse ihr Wesen, ihre Natur zu entlocken, gilt als Gegenbewegung oder gar Persiflage zur modernen Technik.

Die Sonderausstellung "Reaktionen" zeigt den radikalen Malansatz Quendlers in all seinen Facetten auf.
Gezeigt werden Werke im vulkanischen Umwälzverfahren, in denen mitunter Teile von Louisiana-Alligatoren verarbeitet wurden.

Quelle: Bank Austria Kunstforum




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